VOLKSBÜHNE? WAR DA WAS?

English version below.

Du bist eingeladen! 

Sehr bald wird die „Operation Staub zu Glitzer“ an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz fortgesetzt. In einer transmedialen und partizipativen Theaterproduktion werden wir gemeinsam ein neues Stadttheaterkonzept entwickeln. Werde Mitglied des neuen Volksbühnen-Kollektivs und hilf bei der Konzeptfindung für die Volksbühne und/oder trage mit deiner Kunst zum Gesamtwerk bei. 

Dein Konzert, deine Inszenierung, Lesung, Performance, Diskussion, Videoinstallation, dein Tanz, Workshop, etc. sind für ein großes und progressives Publikum gedacht? Dann ist das dein Moment …

Dieser Aufruf richtet sich an alle, die sich zu Feminismus, Antirassismus und der Forderung nach gleichwertigen Lebensbedingungen für alle Menschen bekennen.

VOLKSBÜHNE? WAR DA WAS?

Um die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz tobte nun mehrere Jahre ein Kampf, von dem behauptet wird, er sei nun beendet. Doch wie sieht die aktuelle Situation aus? Zum wiederholten Male wurde ein Intendantenwechsel vollzogen, ohne dass ein Mitentscheidungsprozess initiiert worden wäre. Für überstürzte Entscheidungen habe eine dringende wirtschaftliche Notwendigkeit bestanden, heißt es. Schnell musste ein Programm auf die Beine gestellt werden, das dem Haus kurzfristig wirtschaftlichen Erfolg verspricht. Das alles klärten die Etablierten, die Angekommenen, die Angepassten im Hinterzimmer unter sich. Das ist für dieses besondere Haus nicht länger hinnehmbar. 
Was ist mit all den Menschen, die im September 2017 bereit waren, das Haus kollektiv zu bespielen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen? Und was passiert in zwei Jahren, wenn sich das vorgestellte Programm oder Gastspiel-Konzept als wirtschaftlich erfolgreich erweist? Wie ließe es sich dann rechtfertigen, das Plattform-Konzept Tim Renners noch einmal zu überdenken und wieder abzuschaffen? 
Wann erhält das Haus seinen alten Namen zurück? 
Dieses besondere Theater muss für Progressivität und Radikalität stehen. In Berlin wuchs ab den späten 60er Jahren eine Bewegung der Selbstermächtigung zur Schaffung selbstorganisierter, kollektiver Freiräume: Wohngemeinschaften, Ateliers, Clubs, Gärten und Projekthäuser machten die Stadt Berlin erst zu jenem Sehnsuchtsort für Kreativköpfe, die sie bis heute geblieben ist. Erst im Juni belegte eine exklusive Forsa-Umfrage, dass in allen Bevölkerungsteilen Berlins große Sympathien für jene Art der Selbstermächtigung bestehen. Da diese Freiräume nun allmählich und immer konsequenter verdrängt werden, kann die Volksbühne nur dann Widerstand leisten und ein Statement gegen diese Entwicklung setzen, indem sie selbst zum Freiraum wird. Diesen gilt es gemeinsam zu konzipieren, denn bisher gibt es kein Staatstheater, das diesen Weg je gegangen ist: Commoning.
Erst dann und nur dann ist die Volksbühne ein widerständiger Ort innerhalb der durchgentrifizierten Mitte Berlins. Alle anderen Konzepte bedeuteten die Einordnung in den neoliberalen Mainstream und somit den Tod der Kunst an diesem Haus. 
Strenge Hierarchien sind ein Relikt des Militarismus und gehören überwunden. Eine Gesellschaft, die aus obrigkeitshörigen Automaten besteht, ist dem Untergang geweiht. 

WIDERSTAND WOGEGEN?

Die Volksbühne muss sich gegen Prekarisierung, Vereinzelung, Refaschisierung sowie die fortdauernde Geschlechterungerechtigkeit stellen. Das angekündigte Programm wird erneut in einem Verhältnis von 4:1 von männlichen Künstlern dominiert. 
Die politisierte Arbeiter*innenschaft, die die Volksbühne mit dem „Arbeiter*groschen“ einst auf den Weg brachte, gibt es heute in Deutschland kaum mehr. Stattdessen haben wir eine breite prekarisierte Unterschicht, die ums Existenzminimum kämpft. Die Aussichten sind schlecht. Das akademische Prekariat an den Universitäten, Kunst- und Theaterschaffende, Freelancer aus der sogenannten Kreativszene teilen sich das Armutssegment mit Ausgebeuteten aus dem Dienstleistungsgewerbe, der Pflege, mit Rentner*innen, überlasteten Student*innen, Geflüchteten, Alleinerziehenden usw. 
Manche Politiker*innen, Kunst -und Theaterschaffende haben offenbar im Zuge des eigenen Karrierismus die Außenperspektive verloren. Wer es erst einmal geschafft hat, lässt die anderen, die Versagenden, hinter sich, ohne sich noch einmal umzusehen. Ja, im Kapitalismus kann es jede*r schaffen, aber eben nicht alle. Eine große Mehrheit trägt mit ihrer schlecht entlohnten Arbeit eine kleine Minderheit. 
In einem Zeitalter, in dem selbst Pilot*innen als Scheinselbständige beschäftigt sind und im Winter hartzen gehen, müssen althergebrachte Elitismuskonzepte überdacht werden. Im Neoliberalismus gibt es Gewinnende und Verlierende. Die Volksbühne muss ein Ort für die Ver
lierenden sein und damit für die Mehrheit! 

OPERATION STAUB ZU GLITZER – SPIELZEIT 2018/19

Aus einer politischen, künstlerischen und humanistischen Notwendigkeit heraus werden wir deshalb die nächste Phase der Operation Staub zu Glitzer einleiten.  
An Tag-X werden wir unsere transmediale Inszenierung in den Räumlichkeiten der Volksbühne fortsetzen. Wir laden die progressive Stadtgemeinschaft dazu ein, innerhalb eines Kunstwerks, ein neues Stadttheater-Konzept zu entwickeln, das uns alle angeht.  
Wir wenden uns an diejenigen, die Hyperkonsumismus und die systemische Ausbeutung von Mensch und Natur nicht länger dulden. Wir wenden uns an alle, die sich ihrer selbstbestimmten Zukunft beraubt sehen. Wir wenden uns erneut an alle, die denSchritt aus dem Hamsterrad wagen wollen, um aus dem Reichtum an Alternativen zu schöpfen. 
Wir stehen dabei in der Tradition derjenigen Menschen, die dieses Haus vor über 100 Jahren unabhängig finanzierten, bauten und betrieben. Wir wollen die Volksbühne aus der momentanen bürgerlichen Exklusivität rütteln und zu einem gemeinschaftlichen Projekt machen, für das wir gemeinsam einstehen. 
Herzlich laden wir dazu ein, dieses besondere Haus am Rosa-Luxemburg-Platz als große Bühne für die politische Neuverhandlung der Stadtentwicklung, für künstlerische Schöpfung (Produktion) und gestaltende Intervention zu nutzen. Es geht um die Wiedergewinnung von öffentlichem Raum in einem Jahrzehnt der Privatisierung und Kommerzialisierung. Der düsteren gesellschaftlichen Entwicklung werden wir erneut gemeinsam Rampenlicht und kollektive Schönheit entgegensetzen. 

STADTENTWICKLUNG

Noch immer geht es um weit mehr als um die Frage nach geeignetem Führungspersonal für ein beliebiges Theater. Es geht um die Fragen: In was für einer Stadt wollen wir leben? In welchen Verhältnissen wollen wir arbeiten, wohnen und wirken? Und welche Rolle kann dabei ein Theater spielen? Wir wollen gemeinsam nach Antworten suchen, denn die Volksbühne ist zu einem Symbol geworden für die Stadtentwicklung als Ganzes. 
Unsere Stadt wurde als Beute dargeboten! Berlin ist heute ein Weg vorgezeichnet, den schon andere europäische Metropolen beschritten: ein Weg der Verdrängung, ein Weg der Ausgrenzung, ein Weg der Zerschlagung jeglichen Gemeinschaftsgefühls. Exorbitante Mieten und unsichere Arbeitsverhältnisse führen zu existenzieller Angst, zu Lähmung, Resignation und Isolation. Diese Schockstarre gilt es gemeinsam aufzubrechen und gegen die totale gesellschaftliche Spaltung in Arm und Reich vorzugehen! 

STAUB ZU GLITZER

Während der Konzeptfindungsarbeit in Arbeitsgruppen, im Plenum und in gemeinsam zu konzipierenden Gremien soll die Volksbühne wieder eure Bühne sein: eure Inszenierungen, Performances, Lesungen, Konzerte, Skulpturen, Fotografien, Workshops, Malereien gehören an dieses Theater und in die große Öffentlichkeit. künstlerischwewerke innerhalb der Operation werden nicht vereinnahmt, zensiert oder inhaltlich beschnitten.
Das Haus braucht auch wieder ein festes Ensemble, mit dem wir in eine Beziehung treten können, ein Ensemble, das unsere Anliegen versteht. Den Aufbau können wir nicht Menschen überlassen, die uns abschätzig und misstrauisch von einem übergeordneten Posten betrachten. Das würde diesem besonderen Theater nicht gerecht. 
Staub zu Glitzer versteht sich als „Enabler-Kollektiv“, als Ermöglichende. Wir wollen diesen gemeinsamen Weg nicht anleiten oder dominieren, sondern uns schnellstmöglich zurückziehen und mit euch gemeinsam als gleiche unter gleichen ein neues Kollektiv bilden. Für eine schnelle Einebnung von Hierarchien in Bezug auf unseren Wissensvorsprung bitten wir euch, euch möglichst schon vor Tag X für Arbeitsgruppen oder Dienste wie Spielplanpflege, Presse, Wohnungslosenparlament, Social Media, Hackspace, Awareness, Dokumentation, Security, Küfa, Technik, Crewcare usw. zu melden und zu den anstehenden Vorbereitungstreffen zu kommen. Wir wollen einen möglichst hierarchiefreien Wirkraum schaffen. Das ist viel Arbeit und braucht Zeit. Wichtig ist, dass wir einander auch im Dissens mit Achtsamkeit begegnen. Beleidigungen von Menschen,Homophobie, rassistische oder frauenverachtenden Äußerungen, Gewalt und Vandalismus an diesem denkmalgeschützten Haus in jedweder Form werden nicht akzeptiert und führen zum Ausschluss. 
Staub zu Glitzer ist ein queeres Kollektiv. Ein Bekenntnis zum Feminismus, zum Antirassismus und zur Forderung nach gleichwertigen Lebensverhältnissen für alle Menschen sind daher für die Teilnahme an der Operation unabdingbar. Für alle Gremien und Arbeitsgruppen wird eine Frauenquote von mindestens 50% veranschlagt. Bei Treffen der Arbeitsgruppen oder im Plenum werden Maßnahmen durchgeführt, um den Redeanteil von Frauen deutlich zu erhöhen. Gemeinsam wollen wir auch Konzepte gegen Altersdiskriminierung und zur Gewährleistung umfänglicher Barrierefreiheit entwickeln. 

KOOPERATIONEN

Zahlreiche nationale und internationale Theater, Stadt- und Mieterinitiativen, Personen aus Kunst und Wissenschaft fördern unsere künstlerische Intervention. Seit dem vergangenen Jahr ist sowohl Staub zu Glitzer gewachsen, als auch die Zahl der Kooperationspartner*innen. Wir freuen uns, dass nun endlich Projekte umgesetzt werden können, die bereits für 2017 geplant waren. Es wird großartig!
Unser Fokus liegt auf politischen und künstlerischen Gruppen, die sich den Renationalisierungsbestrebungen in Europa entgegenstellen. Wir streben ein Europa an, das seinen Reichtum nicht länger durch die Ausbeutung von Menschen und Umwelt mehrt. Wir lehnen die inhumane Errichtung und mörderische Sicherung von Mauern, Grenzen und Zäunen ab. Die Asylgesetzgebung ist in dieser Form ein Armutszeugnis für uns alle. Wir dürfen die Abschottung Europas nicht länger akzeptieren und machen uns stark für Solidarität und Commoning. 
Die Arbeit mit euch war und ist atemberaubend schön. Trotz der verheerenden gesellschaftlichen Entwicklungen habt ihr geglänzt und Hoffnung verbreitet. Lasst euch von Diffamierungen in der Presse nicht einschüchtern. Zeigen wir ihnen, wie ein Theater aussieht, wenn es von einer echten solidarischen Gemeinschaft getragen wird. Zeigen wir ihnen Alternativen im Zeitalter der Alternativlosigkeit. Zeigen wir ihnen die Schönheit der Radikalität. Wir sind viele. Wir sind die Guten! Lasst uns Theater machen. 
Bei der Umsetzung unseres performativen und partizipatorischen Kunstwerks berufen wir uns auf Art. 5, Absatz 3 des bürgerlichen Grundgesetzes – die Kunstfreiheit – und fordern für unser kollektives Werk ein Hausrecht. 

Homepage und Information

Auf unserer neuen Homepage www.staubzuglitzer.defindet ihr das Gesamtkonzept unserer künstlerischen Intervention. Bitte informiert euch gründlich, damit Missverständnisse möglichst gar nicht erst entstehen. Bei Unklarheiten und Fragen stehen wir euch immer zur Verfügung. Wir freuen uns wahnsinnig auf euch. 
Mail: vbb-koop@riseup.net
Mobil: +49 152 17805578
***Staub zu Glitzer***

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