Eine Liebe zum Theater

„Das Theater ringt heute um sein Leben. Nicht so sehr aus wirtschaftlicher Not, die allgemein ist. Es krankt vielmehr an der Armut des eigenen Blutes (…) Das einzig belebende Element theatralischer Dichtung sickert dünn, und unsere wahrhaft dramatische Zeit spiegelt sich nur schwach in ihr. Im Augenblick. Aber wir leben in diesem Augenblick.“ Max Reinhardt, 1928

Das Theater ist noch lange nicht tot, es lebt, es vibriert, es schreit auf und will bewegen.
Dem Theater als totale Institution kommt heute, mehr denn je, die schwierige Aufgabe zu, illusorischem Individualismus, perverser Leistungsrivalität und der Entsolidarisierung unter den Menschen entgegenzuwirken.

Je alternativloser die Verfasstheit der Welt scheint, desto lebensnotwendiger ist ein Ort wie das Theater, um einander wahrhaftig zu begegnen, zu ermächtigen, aneinander zu wachsen und zu lernen. B6112 leistet dies formal und inhaltlich.

Der Kern unserer Inszenierung ist das tatsächliche Eindringen und Verändern unserer aktuellen Gesellschaft mit theatralen Mitteln. Der Erfolg der ersten sechs Tage und das enorme Engagement aus allen Teilen der Gesellschaft zeigt, wie groß der Wunsch nach einem partizipativen, freien Stadttheater ist. Und es liegt an uns Theatermacher*innen zu zeigen, dass es ihn gibt.

Auch im zweiten Akt wollen wir uns mit unterschiedlichen Veranstaltungsformaten einer kollektiven Intendanz nähern. B6612 ist dialektisches Theater, Aufklärung und Aufruf zum Widerstand. Besucher*innen werden zu Partizipierenden, das Publikum wird zu Theaterschaffenden. Im Rahmen von B6112 begrüßen wir alle bereits bestehenden Arbeiten und Formate der mit uns in Kooperation stehenden, freischaffenden und etablierten internationalen Kunstschaffenden, Künstler*innen der freien Szene, einem sich am Haus formierenden Ensemble und Gastspieler*innen. Ihnen allen bieten wir eine Spielstätte.
Ergänzend haben wir Formate entwickelt, die allen teilnehmenden Künstler*innen zur Verfügung gestellt werden, um ihre jeweiligen Arbeiten von aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen, tatsächlichen Bedürfnissen, Gedanken, Problemen und Geschichten der Bürger*innen Berlins inspirieren lassen zu können.

Als Theatermacher*innen werden wir einander fortgehend damit konfrontieren, dass unsere Arbeit eine direkte Auswirkung auf unsere Gesellschaft hat. Unsere Rollen werden wir immer wieder im Kontext der Inszenierung, die Inszenierung im Kontext unserer Gesellschaft und unsere Gesellschaft im Kontext globaler Zusammenhänge neu reflektieren. Regelmäßig wird es öffentliche Plena geben, um transparent zu machen, wie die aktuelle Auswahl getroffen wurde und warum und wie diese umgesetzt werden soll. Immer wieder aufs Neue wollen wir innovative Wege austesten, wie eine möglichst heterogene Gruppe zum Partizipieren angeregt werden kann. Während B6112 soll das Haus sowohl für Kinder, als auch Jugendliche, Erwachsene und Senioren und als Treffpunkt, als Stätte des Kennlernens und der Vernetzung dienen.

Wir wollen, dass sowohl die Volksbühne die Stadt, als auch die Stadt die Volksbühne beflügelt und verändert. Eine tatsächliche Kommunikation zwischen den Bewohner*innen einer Stadt und ihrem Theater. Ein Prozess. Ein Labor. Der Mut zum Scheitern. Eine Vision. Eine Liebe.