Transmedialität

2011 fand die Storydrive Konferenz der Frankfurter Buchmesse zum Thema „Storytelling und Storyselling“ statt. Expert*innen aus der Film-, Musik-, Literatur- und Gaming-Szene diskutierten wie in Zukunft, trotz expandierender transmedialer Erzählformate, weiterhin mit dem Geschichtenerzählen Profit erwirtschaftet werden könne.

Es ist tragisch, dass sie ausgerechnet zusammenkamen, um das emanzipatorische Potential einer transmedialen poetologischen Praxis auszuhebeln. Ein Transmedia-Manifest aus 11 kurzen Thesen zur Zukunft des Storytellings wurde formuliert. In Anlehnung an dieses Manifest hat Staub zu Glitzer ein Konzept für eine transmediale Theaterinszenierung entwickelt.

Transmediale Erzählformate finden hauptsächlich in der Werbekampagnen Anwendung, wenn es darum geht, Freiwillige dazu zu bewegen, ihre Arbeitskraft unentgeltlich für die Bewerbung eines Produkts zur Verfügung zu stellen. So beteiligten sich beispielsweise an der transmedialen Kampagne zum Kinofilm The Dark Knight (2007) weltweit über 10 Millionen Menschen.

Bei B6112 wird nicht einfach ein Produkt beworben, sondern eine Gemeinschaft entwickelt ihr zukünftiges Stadttheater innerhalb einer transmedialen Inszenierung. Mit fortschreitender Digitalisierung werden experimentelle transmediale Fernseh-, Literatur- oder Theaterformate allmählich expandieren. Bei B6112 liegt der Schwerpunkt im Emanzipatorischen, nicht im Profitstreben. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt.

In einem transmedialen Geschichtenuniversum sind Realität und Fiktion gleichwertige Erzählelemente. Bei B6112 wird die Poetik von der fiktionalen Ebene auf die reale übertragen – in diesem Fall auf den Theaterapparat insgesamt, den es allmählich zu enthierarchisieren gilt. Den Partizipierenden wird die Gemachtheit von Kunst, von Welt insgesamt und die eigene Rolle in diesem Prozess bewusst. Sie werden aus ihrer passiven Konsumhaltung hin zu einer gestalterischen Mitbestimmung angeregt.

Ohne Partizipierende kein Happy End. Alle Geschehnisse an der Volksbühne wie die Bildung von Arbeitsgruppen, der Awarenessgrundsatz, das Plenum usw. sowie Ereignisse andernorts mit Bezug zu B6112 sind Teil der Inszenierung. Ziel bleibt dabei die reale Veränderung unserer Stadtgesellschaft. Der Kreativität bei der Umsetzung, dem spielerischen Geist sind keine Grenzen gesetzt. Ebenso erweitern alle Bezug nehmenden Medienformate das Gesamtkunstwerk: Buch, Film, Fernsehen, Drama, soziale Medien, Telefon, Radio, Presse, Lyrik, Poetryslam etc. Endlichkeit und Unendlichkeit treten aus dem Dualismus ein in eine Duplizität.

B6112 als transmediale Theaterkunst ist dialektisch, mimetisch und emanzipatorisch. Mimesis steht für die Gleichzeitigkeit von Vorahmumg und Nachahmung, von Realität und Fiktion und für die Gleichberechtigung aller Elemente.

1. REALITÄTSBEHAUPTUNG: Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Erlebende der Geschichte wissen nicht mehr genau, was wahr und was erfunden ist.

2. RABBITHOLES: Die Geschichte bietet Erlebenden – Lesenden, Zuhörenden, Publikum oder Spielenden verschiedene Möglichkeiten in sie einzutreten.

3. GESCHICHTEN-UNIVERSUM: Erlebende müssen nicht mehr einer einzelnen Dramaturgie folgen, sondern können selbst aus mehreren sich kreuzenden Narrationsbögen auswählen, die schlussendlich in einem großen Geschichten-Universum aufgehen.

4. INTERAKTIVITÄT: Erlebende tauschen sich sowohl untereinander als auch mit fiktionalen Figuren aus, nehmen aktiv an der Geschichte teil und beeinflussen diese.

5. USER-GENERATED-CONTENT: Das Geschichten-Universum bietet Erlebenden die Möglichkeit, sich an ausgewählten Stellen selbst gestalterisch einzubringen. Das kann durch selbstgeschriebene Texte, gedrehte Filmclips oder eigene Kunstwerke geschehen, die mit der Story-Community geteilt werden.

6. TRANSMEDIALITÄT: Das Story-Universum beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Medium, sondern nutzt die Stärken jedes einzelnen Mediums, um aus ihrer Symbiose etwas Neues zu erschaffen.

7. LOCATION-BASED STORYTELLING: Die Erlebenden werden zum Träger der Fiktion, indem sie reale Orte aufsuchen, an denen Teile des Geschichtenuniversums weitererzählt werden.

8. UNENDLICHKEIT: Das Geschichten-Universum hat das Potenzial, durch mögliche Fortsetzungen, ausgegliederte Nebenhandlungen oder mittels konstanter Elemente die Grundlage für eine nie zu Ende gehende Geschichte zu schaffen.

9. LEANBACK / LEANFORWARD: Das Geschichtenuniversum verlangt von den Erlebenden nicht, sich stets aktiv an der Geschichte zu beteiligen, sondern bietet auch die Möglichkeit die Geschichte zeitweise bzw. dauerhaft in einem passiven Modus zu erfahren.

10. MULTIPAYMENT: Die Vielfältigkeit des Geschichtenerzählens innerhalb des Story-Universums ermöglicht ein additives Freemium-Geschäftsmodell, das sich aus mehreren Beiträgen pro Erlebebenden zusammensetzt.

11. KOLLABORATIVES ARBEITEN: Das Geschichten-Universum wird von flexiblen, interdisziplinär agierenden Teammitgliedern gemeinsam entwickelt, da es einer Bündelung unterschiedlicher Kompetenzen bedarf.